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GEROLD TAGWERKER mondrian_revisited


In seiner aktuellen Ausstellung „mondrian_revisited“ in der c.art Galerie zeigt Gerold Tagwerker Arbeiten, die auf die geometrischen Bildfindungen Piet Mondrians referieren.

Bereits in den Jahren 2003 bis 2006 hat Gerold Tagwerker kleinformatige Werke Mondrians aus den späten 1920-er und frühen 1930-er Jahren in reflektierende Spiegelobjekte verwandelt. Dafür hat er die klare und einfache Flächenteilung der Bildkompositionen Mondrians vermessen und sie im Format eins zu eins in silberne und farbige Spiegelflächen übersetzt.

Als „mondrian.mirrors“ präsentiert Tagwerker diese Bilder als Objekte an der Wand, wo sie dem Charakter eines Spiegels entsprechend die Umgebung des Raumes und die sich betrachtetende Person reflektieren. Die Strukturen der flächigen Kompositionen werden durch diese im Spiegel reflektierten Bildmomente überlagert und scheinen mit diesen zu verschmelzen. Der Betrachter und der ihn umgebende Raum werden in der Reflektion der Spiegel Teil des Bildes. *

In ihrer Funktion als tatsächliche Spiegel sind die „mondrian.mirrors“ aber beeinträchtigt. Im Spiegelbild erscheinen Umgebung und Betrachter durch die Ränder und Kanten der Fugenteilung der einzelnen Flächen zerschnitten und collagiert. In den letzten Jahren hat Tagwerker die Arbeit an dieser Werkreihe wieder aufgenommen und sich auf größere und mittelformatige Bilder Mondrians aus der zweiten Hälfte der 1930-er Jahre konzentriert, die in ihrer Strukturen und Flächenteilung dichter und komplexer komponiert sind. In Tagwerkers Übersetzungen als „mondrian.mirrors“ erscheint die beschriebene Wirkung der Spiegelbilder durch diese Dichte der Kompositionen der Vorlagen verstärkt. Neben den „mondrian.mirrors“ zeigt Tagwerker in der Ausstellung die neue Werkreihe der „mondrian.grids“. Für diese Serie hat er die frühen geometrischen Kompositionen Mondrians aus den 1920-er Jahren als lineare, rasterhafte Bildteilungen wiederum eins zu eins aufgenommen, sie von deren Farbflächen befreit und als offene Rasterstrukturen umformuliert, die er als Gitter aus rohem 1 cm starkem Stahl ausführt. So erscheinen die „mondrian.grids“ als dreidimensionale lineare Kompositionen aus Stahlstäben wie nackte Gerüststrukturen. Als offene Rasterformen haben sie keine Ränder, Rahmen oder Bildgrenzen und verhalten sich objekthaft im Raum.

Tagwerker präsentiert seine „mondrian.grids“ an der Wand hängend als offene Bildformen, stehend an die Wand gelehnt oder legt sie beiläufig auf den Boden und führt sie als dinghafte wie befremdliche Stahlgitter vor.

Die Struktur und die Flächenteilung dieser Raster bleiben dem Betrachter vorerst abstrakt und verschlossen. Sie scheinen keinem Ordnungsprinzip, keiner Ornamentik, keinem Muster und keiner mathematisch nachvollziehbaren Logik zu entsprechen. Assoziativ eröffnen sie als modernistische Motive aber neue Bedeutungen und Bezüge von gerasterten Ordnungsstrukturen wie etwa architektonischen Plandarstellungen von Grundriss oder Schnitt. Beide Werkreihen versteht Tagwerker mehr als Interpretationen denn als Zitate einer uns bekannten klassisch modernen Bildsprache, die nicht nur über die Kunstgeschichte tradiert wurde, sondern sich auch als gestalterisches Prinzip im Grafik-design, der Werbung und der Modewelt der 1950-er bis in die 1980-er Jahre manifestierte.

Anders als in diesen Adaptionen und Variationen des Mondrian´schen Bildkanons, bei denen es offensichtlich darum ging, eine Idee von Modernität oder Avantgarde zu suggerieren, übernimmt Tagwerker die formalen Ebenen der Bildkompositionen Mondrians als Grundlage und Partitur für seine Interprationen, transferiert sie in Material und Erscheinung, um sie so verwandelt bild- und objekthaft neu zu präsentieren.

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„Piet Mondrians "Kunst der reinen Verhältnisse" ist seit den 50er Jahren in unzähligen Erscheinungsformen von Design quasi gesampelt worden und kaum noch ohne den Hintergrund dieser Rezeptionsgeschichte zu besprechen. Tagwerker scheint in einer weiteren künstlerischen Erscheinungsform die Arbeit Mondrians rehabilitieren zu wollen, die ihm in ihrem Konzept von konkreter Kunst und Verhältnismäßigkeit nahe sein muß. Er rekonstruiert sie in Format und Komposition eins zu eins anhand von Spiegelfeldern und hängt die so entstandenen "mondrian.mirrors" in der Augenhöhe, die man nicht vom Badezimmerspiegel sondern aus dem Museum kennt. Ihre reflektierende Kontaktoberfläche erscheint als geöffnete "vierte Wand", die das (gestückelte) Abbild des Betrachters als weiteres "äquivalentes plastisches Mittel" in die Farbfeldkompositionen integriert, den sie umgebenden Präsentationsraum jedoch zur Auflösung bringt. So wird es möglich, in den Raum der Kunst selbst einzutreten, der im immer kontextualisierenden Hier und Jetzt nicht existieren kann.“ aus: Dagrun Hintze - „Der dritte Blick: Kontrollverlust als Strategie“, in: „Gerold Tagwerker - zero 1_2_3_4_5", Frankfurt 2004